Weniger ist mehr

Aus: MAINZ Vierteljahreshefte, Ausgabe 2.2008 / von Birgit Lehr

Das Weingut Marcus Paul Landenberger ist das kleinste und einzige Weingut in der Mainzer Innenstadt. Im Angebot stehen naturreine Weine.

Seit zwei Jahrzehnten macht Marcus Paul Landenberger Wein – aus dem Hobby wurde Leidenschaft, aus dem Neben- ein Haupterwerb.

Nur wenige Gehminuten vom Mainzer Hauptbahnhof, in der Adam-Karrillon-Straße 4, befindet sich das Weingut Marcus Paul Landenberger. Einen Winzer würde man in der dicht besiedelten Neustadt kaum vermuten. Ein Eichenfass mit einem Hinweisschild vor dem Grundstück weist den Weg durch ein großes Holztor in den Innenhof, in dem der Duft der Kelter schwer in der Luft liegt. Hier im Hinterhaus und im historischen Gewölbekeller ist der Dreh- und Angelpunkt der Landenberger‘schen Weinfabrikation – und die einzige Verkaufsstelle der Weine, die der Winzer selbst in zwei Linien einteilt und als Alltags- und Sonntagsweine bezeichnet. 

„Das Haus samt Grundstück habe ich um die Jahrtausendwende gekauft. Ein glücklicher Zufall“, erinnert sich Marcus Paul Landenberger an den Abend in einer Mainzer Weinwirtschaft, als er die Enkelin des Erbauers Julius Pennrich kennen lernte. „Wir kamen ins Gespräch und blieben es auch bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie die Entscheidung traf, das Anwesen zu verkaufen.“ Allerdings war der Eigentümerwechsel an eine Bedingung geknüpft: Wie schon in der Vergangenheit sollte der historische Gewölbekeller auch weiterhin zum Weinmachen genutzt werden. Das war ganz im Sinne des Erwerbers. Der Kauf wurde besiegelt, die Umbaumaßnahmen begannen. Das alte Vorderhaus wurde teilabgerissen, ein neues gebaut: Eine Mischung aus Wohn- und Geschäftshaus sollte es sein. Die Planung bestimmte Marcus Paul Landenberger mit, ansonsten lag die Verantwortung in den Händen befreundeter Architekten. 2003 war das neue Gebäude fertiggestellt. Im Hinterhaus, das in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb, befindet sich seitdem das Kelterhaus samt Verkaufsladen. Im restaurierten Gewölbekeller stehen die Edelstahlfässer – kurzum alles, was man zum Weinmachen benötigt. Übrigens: Das Haus wurde mehrfach bei Architektenwettbewerben ausgezeichnet.


Seine Weine produziert Marcus Paul Landenberger in der Mainzer Innenstadt, seine Weinberge liegen allerdings außerhalb der städtischen Grenzen: in Zornheim und in Nackenheim. In Zornheim, der am höchsten gelegenen Weinbau betreibenden Gemeinde in Rheinhessen kultiviert er Riesling, Sauvignon Blanc und Spätburgunder in fast gleichen Teilen. „Der Lössboden, in dem sich Mineralien aus dem Umland durch Verwitterung gesammelt haben, gibt den Weinen eine frische und saftige, an Citrusfrüchte erinnernde Note“, charakterisiert der Winzer die Weine. An der Rheinfront, auf Höhe Nackenheim, baut Landenberger Riesling an. Er erklärt: „Das Rotliegende ist der zweitälteste Boden in Rheinhessen, ein roter Sandstein aus der Permzeit. Dieser Boden ist hervorragend geeignet für Riesling, er gibt dem Wein „Feuer“, lässt ihn nach reifem Steinobst, vor allem nach Pfirsichen und Aprikosen, schmecken.“ Für Landenberger zählt ausschließlich die Qualität seiner Weine. Diese baut er deshalb auch ertragsreduziert aus. „Meine Leidenschaft besteht darin, konzentrierte, mineralisch schmeckende Weine zu produzieren.“ Laut Etikett bezeichnet der Winzer seine Weine als Tafelweine, obwohl es sich um Aus-, Spätlesen oder Kabinetts handeln kann. Der Grund: Landenberger ist Purist und Ästhet. Seine Devise: „Weniger ist mehr.“ So findet man neben dem das Etikett beherrschenden Familienwappen der Landenbergers als weitere Angaben lediglich Namen und Anschrift, Restsüße, Grad Öchsle und die Ausbaurichtung des Weins. Hier bedient sich das „Enfant terrible“ der Etiketten gerne alter Begriffe, die schon längst aus der Mode gekommen sind, seiner Meinung nach seine Weine aber perfekt beschreiben. Bevorzugt benutzt er „naturrein“ oder „herb“ statt „trocken“. „Wein ist eine Flüssigkeit, und die kann nicht trocken sein“, begründet er seine Entscheidung. Fortschrittlich zeigt er sich hingegen in Sachen Verschluss. Statt Kork oder Glas bevorzugt Landenberger den „Stainless cap“, ein wiederverschließbarer Kronenverschluss, der weder Luft an das edle Getränk lässt noch negativen Einfluss auf den Geschmack hat. In die Entwicklung, die Peter Querbach aus dem Rheingau bereits vor 15 Jahren forcierte, war Landenberger involviert.

Marcus Paul Landenberger ist in vielen Dingen eigen, geht seinen eigenen Weg – und er ist Autodidakt. Er entstammt weder einer traditionsreichen Winzerfamilie, noch hat er in einer renommierten Fachschule gelernt. In seinem „früheren“ Leben arbeitete er im Familienunternehmen, einem Tabakwarengroßhandel, handelte also bereits mit Genussmitteln. In den Genuss der Weinherstellung kam er vor über 20 Jahren über den Zornheimer Winzer Andreas Münzenberger, der ihm bis heute mit Rat und Tat zur Seite steht, worüber Landenberger sehr dankbar ist. Kennen gelernt haben sich die Beiden an der Handelsschule. Als Münzenberger ihn eines Tages mit in den Wingert nahm, war der Funke bei dem Hobbybotaniker sofort übergesprungen. Fortan wälzte er Fachbücher, setzte sein selbst erlerntes Wissen schließlich in den gepachteten Weinbergen in Zornheim und Nackenheim um – und das seit mittlerweile zwei Jahrzehnten. „Ausprobiert habe ich nahezu alles – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg“, bekennt er mit der Gewissheit, dass Weinmachen wie Kochen ist – „irgendwann hat man das richtige Gefühl dafür.“ Landenberger geht seinem Hobby, das zur Leidenschaft und zu seinem Beruf wurde, unermüdlich und gewissenhaft nach. Um allerdings sein täglich Brot zu verdienen, arbeitet er zusätzlich noch in einem großen rheinhessischen  Weinbaubetrieb. In seinem eigenen kleinen Weingut helfen ihm Freunde bei der Weinlese im Herbst. Der Kellerarbeit widmet sich der Winzer dann alleine – in minutiöser Handarbeit. In seinem Hinterhaus in der Neustadt legt er die Trauben von Hand in die Kelter, Pumpen vermeidet er, „da sonst Bitterstoffe freigesetzt werden könnten.“ Die Trauben presst er so schonend wie möglich und vergärt sie spontan. Dafür nutzt er statt Fremdhefen die „wilden“ Hefen, die sich im Weinberg auf der Haut der Trauben bilden. „Dadurch kitzelt man aus den späteren Weinen den Bodencharakter heraus, das, was man gemeinhin als Terroir bezeichnet, ein Begriff, den ich persönlich aber nicht gerne verwende.“ Seine Weine lässt Landenberger sehr lange auf der Maische liegen, vor allem den Rotwein. „Das wirkt wie ein Rumtopf“, sagt er. Das Ergebnis ist ein gehaltvoller Geschmack, die besondere Note und eine intensive Farbe. Der Winzer ist überzeugt, dass „die Maische das Barrique ersetzt.“ Hat er früher im Eichenfass ausgebaut, verzichtet er zwischenzeitlich darauf. Der ausschlaggebende Grund war der Gesetzesbeschluss, der auch in Europa Chips zulässt, so wie es beispielsweise in Kalifornien schon lange gang und gäbe ist. Das widerspricht dem Traditionalisten. „Auf das Barrique-Fass steige ich erst wieder um, wenn die Zeit reif ist.“ Apropos: Bisher arbeitet Landenberger konventionell im Pflanzenschutz, aber das will er in naher Zukunft ändern. Den Boden bearbeitet er schon immer nach biologischen Richtlinien. Denn: „Der Boden muss leben. Er ist Lebens- und Wohnraum für eine Vielzahl von Wildkräutern und Lebewesen, die den natürlichen Kreislauf bilden und für mich als Winzer die wichtigsten Helfer sind. Denn: Der Wein entsteht in den Weinbergen, und der Boden ist das Fundament des Winzers.“

 

Aus: MAINZ Vierteljahreshefte, Ausgabe 2.2008 / von Birgit Lehr

 

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